Aktuelles rund um die Akademie Fresenius

Hier finden Sie aktuelle Veranstaltungshinweise, Pressemitteilungen und die neuesten Meldungen rund um die Akademie Fresenius.

Endokrine Disruptoren: Neunte Internationale Fresenius-Konferenz diskutiert Umsetzung der neuen EU-Kriterien

Die EU will stärker gegen endokrine Disruptoren (hormonaktive Substanzen) vorgehen. Für Pflanzenschutzmittel und Biozide gelten bereits seit diesem Jahr neue Kriterien zur Identifizierung solcher Substanzen. Nun hat die EU-Kommission am 7. November 2018 mitgeteilt, dass sie die Rechtsvorschriften über endokrine Disruptoren erstmals einer umfassenden Eignungsprüfung unterziehen möchte. Die öffentliche Diskussion um die Wirkung endokriner Disruptoren wird nämlich immer lauter. Kritiker bemängeln, dass die Gesetze noch zu viele Schlupflöcher enthalten. Vor diesem Hintergrund lud die Akademie Fresenius am 20. und 21. November zur neunten internationalen Konferenz „Endocrine Disruptors“ nach Köln. Die Tagung gab einen Überblick über den aktuellen Stand der Gesetzgebung und diskutierte die aktuellen Leitfäden von EU-Agenturen und der OECD zur Identifizierung endokriner Disruptoren.

Im Juni dieses Jahres haben die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) ihre gemeinsamen Leitlinien zur Identifizierung von Substanzen mit endokrin disruptiven Eigenschaften in Pestiziden und Bioziden veröffentlicht. Domenica Auteri von der EFSA und Niklas Andersson von der ECHA stellten diese Leitlinien auf der Konferenz vor. Bei der Ausarbeitung der gemeinsamen Leitlinien im vergangenen Jahr wurden Stellungnahmen der verschiedenen Stakeholder sowie der Öffentlichkeit einbezogen; zwischen Dezember 2017 und Januar 2018 fand eine öffentliche Anhörung statt. Alle erhaltenen Stellungnahmen wurden von der Redaktionsgruppe bei der Fertigstellung des Dokuments einbezogen.

Andersson erläuterte, dass der Ausgangspunkt für die Bewertung endokrin disruptiver Eigenschaften der Kerndatensatz der standardmäßigen Informationsanforderungen ist und dass die Gestaltung der Leitlinien eine effiziente Nutzung der verfügbaren Daten gewährleistet. Vor der Ermittlung neuer Daten seien zunächst alle bereits verfügbaren Daten zu nutzen. Des Weiteren sollen toxikologische und ökotoxikologische Daten gemeinsam berücksichtigt werden. Der Anwendungsbereich des Leitfadens bezieht sich auf die endokrinen Modalitäten im Zusammenhang mit Östrogenen, Androgenen, Schilddrüsenhormonen und Steroiden (englisch: estrogen, androgen, thyroid and steroidogenesis = EATS), da die Testmethoden für andere endokrinen Modalitäten nicht ausreichend entwickelt sind. Grundlage der Bewertungsstrategie der Leitlinien ist die Adversität in den EATS-beeinflussten Parametern. Diese Parameter liefern Informationen über die Adversität und gleichzeitig über die Art des Effekts. Bestehende Erkenntnisse deuten zudem darauf hin, dass diese Effekte vermutlich hormonbezogen sind. Es wurde in diesem Zusammenhang diskutiert, dass die Adversität der EATS-beeinflussten Parameter nicht ausschließlich von endokrinen Mechanismen, sondern auch von anderen Mechanismen ausgelöst werden können. Andersson erwiderte, dass in diesem Fall der Verdacht mit Daten begründet werden müsse. Weiterhin betonte er, dass die Bewertung endokrin disruptiver Eigenschaften keine Checkliste zum Abhaken sei. Sie benötige immer ein „weight of evidence assessment“ sowie eine Expertenbeurteilung, um eine biologisch plausible Verbindung zwischen der beobachteten endokrinen Aktivität und anderen Beeinträchtigungen zu begründen. 

Neue Version des OECD-Leitfadens 150 mit vielen Erweiterungen

Auch die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) hat ihren aus 2012 stammenden Leitfaden aktualisiert, um die wissenschaftlichen Fortschritte bei der Verwendung von Testmethoden und der Bewertung der endokrinen Aktivität von Chemikalien zu berücksichtigen. Der Berater Peter Matthiessen (Großbritannien) stellte die Neuerungen des Leitfadens „150“ (Guidance Document 150) vor. Das Dokument beschreibt den konzeptionellen Rahmen der OECD für die Bewertung von Chemikalien bei endokrinen Störungen und liefert Hintergrundinformationen zu standardisierten Testmethoden und Leitlinien zur Interpretation einzelner Tests. „Die neue Fassung des Leitfadens hält an der Philosophie des evidenzbasierten Bewertungsansatzes fest“, stellt Matthiessen fest. Aber sie behandele neue Modalitäten und gehe mehr Verbindungen über Artengrenzen hinweg nach. So stelle sie fest, dass Substanzen unterschiedliche endokrine Wirkungsweisen haben können. Auch wenn die neue Version des Leitfadens 150 nun online und in einem lesefreundlichen Layout erschienen ist, betont Matthiessen, dass er nicht dafür ausgelegt sei von Anfang bis Ende gelesen zu werden. Er empfiehlt vielmehr eine „selektive Lektüre“…

„Traurige Wahrheit“: Histopathologische Verfahren oft fehleranfällig

Bei der Bestimmung endokriner Wirkweisen kommt oft die Histopathologie zum Einsatz – ein Verfahren zur mikroskopischen Untersuchung von Gewebe, um adverse morphologische und zelluläre Veränderungen der Organe festzustellen. Lisa Baumann von der Universität Heidelberg verwendet dieses Verfahren seit mehr als zehn Jahren zur Bewertung endokriner Wirkungsweisen in den Fortpflanzungsorganen von Fischen. Bei ihrer Arbeit war sie dabei häufig mit vermehrt auftretenden Fehldiagnosen und -interpretationen histopathologischer Befunde konfrontiert. Neuste Studien zeigen, dass es fast 50 % der veröffentlichten Studien in wissenschaftlichen Zeitschriften mit Peer-Review-Gutachten für die Verwendung im Rahmen der Risikobewertung an Glaubwürdigkeit fehlt. Baumann beschrieb dies als „traurige Wahrheit“ und präsentierte Beispiele aus der Literatur, in denen mikroanatomische Strukturen falsch identifiziert, ungewöhnliche Befunde inkorrekt diagnostiziert und während der Probenaufbereitung erzeugte Artefakte fälschlich als endokrine Effekte identifiziert worden waren. Baumann forderte nachdrücklich eine bessere Ausbildung von Pathologen und Ökotoxikologen und ein strengeres Begutachtungsverfahren bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Sie betonte, dass eine regelmäßige Qualitätskontrolle sowie die Einhaltung der Anforderungen an gute Laborpraxis (GLP) unverzichtbar seien. 

Weitere Informationen erhalten Sie bei:

Die Akademie Fresenius GmbH

Alter Hellweg 46
44379 Dortmund

Telefon  +49 231 75896-50
Telefax  +49 231 75896-53
E-Mail  freseniusakademie-fresenius.de 
www.akademie-fresenius.de


Jetzt teilen


zurück zur Übersicht
Rebecca Keuters

Ihre Ansprechpartnerin

Rebecca Keuters
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

+49 231 75896-76
rkeutersakademie-fresenius.de