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Mineralölrückstände in Lebensmitteln: Fresenius-Konferenz in Düsseldorf diskutierte Handlungsbedarf und Minimierungsstrategien

Die Verhinderung des Übergangs von Mineralölbestandteilen aus Verpackungen zählt zu den drängendsten Fragen der Lebensmittel- und Verpackungsindustrie. Der Druck auf Gesetzgeber und Hersteller nimmt zu. Aufgrund der Aktualität und der Brisanz des Themas hatte sich die Akademie Fresenius entschieden, nach einer schnell ausgebuchten Tagung im März eine weitere Konferenz am 7. und 8. November anzubieten. 17 renommierte Referenten und zahlreiche Führungskräfte aus dem Management, der Qualitätssicherung und der Produktentwicklung der Lebensmittelindustrie waren der Einladung nach Düsseldorf gefolgt. Gemeinsam diskutierten sie die Schädlichkeit von Mineralölbestandteilen und die Frage, in welchem Umfang sich das Problem durch Selbstverpflichtung der Industrie und durch Gesetze auf Bundes- und europäischer Ebene lösen lässt.

Durch Lebensmittelverpackungen aus Altpapier, das zum Beispiel Druckerschwärze enthält, können Mineralölkohlenwasserstoffe (MOSH = Mineral Oil Saturated Hydrocarbons und MOAH: Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons) in Lebensmittel gelangen. MOSH und MOAH werden leicht aus Lebensmitteln in den Körper aufgenommen und reichern sich im Körperfett und in Organen wie Milz oder Leber an. Eine Mineralölverordnung soll Hersteller verpflichten, Lebensmittel in Innenbeutel zu verpacken oder mit Beschichtung an der Innenseite einen Kontakt von Karton und Lebensmittel zu verhindern. Wann die novellierte Verordnung beschlossen und in deutsches Recht umgesetzt wird, steht allerdings nicht fest. Allerdings ist Recyclingkarton bei weitem nicht die einzige Quelle von Lebensmittelverunreinigung und Mineralöl bei weitem nicht der einzige Stoff, der aus Recyclingkarton ins Lebensmittel übergeht.

Koni Grob vom Kantonalen Labor in Zürich blickte auf 30 Jahre Untersuchung von Lebensmittelverunreinigungen mit Mineralölprodukten und deren Vermeidung zurück, aber auch auf die Schwierigkeit, ein derartiges Problem zu einer guten Lösung zu bringen. 1989 wurden in Zürich erstmals Mineralölkohlenwasserstoffe in Haselnüssen festgestellt, die aus Jutesäcken stammten. Auch andere Lebensmittel waren betroffen, wie Kakaobohnen (Schokolade), Reis, Ölsaaten und Kaffee. Diese und viele andere massive Einträge wurden gestoppt, so die Verwendung als Antihaftmittel zur Bearbeitung von Teig und Zuckerwaren, zum Schneiden von Toastbroten oder das Besprühen von Reis zur Verbesserung des Glanzes. Mineralöle gelangten beispielsweise auch über Tierfutter in Fleisch und Eier. Auch der Eintrag aus der Umwelt (Brennstoffe, Schmieröle, Strassen- und Reifenabrieb) kann beträchtlich sein. Allerdings fand das Thema seinerzeit nur wenig Resonanz, vor allem, weil die Messung schwierig war. 2003 wurden hohe Konzentrationen an Mineralölbestandteilen in der Muttermilch gemessen, in den folgenden Jahren weit höhere Gehalte in menschlichen Geweben als aus Tierversuchen erwarten worden waren. Trotzdem, erst mit der Entdeckung von hohen Mengen in Sonnenblumenöl aus der Ukraine im Jahre 2008 wurden breitere Kreise auf die Problematik aufmerksam und mehr Labors arbeiteten sich in die Analytik ein. Der eigentliche Durchbruch an die Öffentlichkeit erfolgte allerdings erst anfangs 2010, als das deutsche BfR und Ministerium (BMELV) sich um den Übergang aus Recyclingkarton kümmerten – nachdem die Belastung der Lebensmittel aus anderen, oft viel massiveren Quellen beseitigt war. Nun wurde das Thema skandalisiert. Da die Toxikologie nicht im Stande war, eine breit akzeptierte Bewertung der Schädlichkeit zu liefern, wurden auch immer tiefere Konzentrationen angeprangert. Die Diskussion über Recyclingkarton geriet in eine falsche Richtung: Statt eine umfassende Lösung für alle aus Recyclingkarton in Lebensmittel übergehenden Stoffe anzustreben, wurde das Problem auf das Mineralöl reduziert. Ohne Unterstützung durch eine Skandalisierung in der Öffentlichkeit scheinen Probleme kaum lösbar zu sein, doch diese Skandalisierung führte auch zu Übertreibungen, hektischen und wenig systematischen (teuren) Untersuchungen und versperrte die Sicht für umfassendere Lösungen.

Entwurf zur Mineralölverordnung in der Kritik

Rüdiger Helling vom Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz des Freistaats Sachsen warf einen kritischen Blick auf den aktuellen Stand der Gesetzgebung und den Entwurf der „Bedarfsgegenständeverordnung“, die auch Mineralölverordnung genannt wird. Eine Begrenzung des Geltungsbereichs der Verordnung auf Lebensmittelkontaktmaterialien aus Recyclingkarton ist nicht mehr zeitgemäß. Eine Regulierung muss zwingend eine Definition von MOAH beinhalten, die mit der anzuwendenden analytischen Methode verknüpft ist. Aufgrund der toxikologischen Unsicherheiten der verschiedenen Eintragspfade und der Interferenzen mit anderen, analogen Stoffgruppen ist ein Minimierungskonzept als naheliegende und schnellste Lösung anzustreben.

Auch Matthias Wolfschmidt von der Verbraucherschutzorganisation foodwatch kritisierte den Entwurf zur Mineralölverordnung. Seiner Auffassung nach ist die Definition der Verordnung für „funktionelle Barrieren“ unzureichend, Zudem definiere sie „ungerechtfertigte“ Ausnahmen von der Verpflichtung auf funktionelle Barrieren. 

Wolfschmidt fordert mehr Einsatz der Industrie. Zwar sei das Problem des Übergangs von Mineralölbestandteilen in Lebensmittel komplex. Aber die Aufgabe sei lösbar, wie zahlreiche Produkttests bereits bewiesen hätten. Für alle Kontaminationsquellen gebe es Instrumente zur Minimierung. Als Beispiel nannte Wolfschmidt die ‚Toolbox‘des Lebensmittelchemischen Instituts (LCI) des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie in Köln. Reinhard Matissek, Leiter des Instituts, hatte die Toolbox auf der Fresenius-Konferenz vorgestellt. 

LCI-Toolbox: Hilfestellung zur Optimierung entlang der gesamten Prozesskette

Die LCI-Toolbox ist eine Sammlung von Daten und Hinweisen, die es den Lebensmittelherstellern ermöglichen sollen, Gehalte an Kontaminanten zu minimieren. Dazu benennt sie Ansatzpunkte zur Optimierung entlang der gesamten Prozesskette. Die Struktur der Toolbox orientiert sich an den verschiedenen Eintragspfaden: „Migration“, „Zusatzstoffe/Hilfsstoffe“, „Kontamination“.

Fraunhofer Institut erarbeitet Vorhersagemodelle zur Minimierung der Migration von Mineralölkomponenten 

Romy Fengler vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV (Freising) berichtete über den Status Quo eines Projektes, das Leitlinien zur Minimierung der MOSH/MOAH-Migration für bisherige Verpackungslösungen und Grundlagen für neue Vermeidungsstrategien erarbeitet. Dazu beschäftigen sich die Wissenschaftler des Fraunhofer-Institutes in Kooperation mit der Technischen Universität München zum einen mit Barrieremessungen und zum anderen mit Stofftransportvorgängen aus Lebensmittelverpackungen in Lebensmittel als auch im Lebensmittel selbst. Dazu untersuchen sie Lebensmittel unterschiedlicher Phasenzusammensetzung, um eine breite Übertragbarkeit der Ergebnisse zu erreichen. Zur Umsetzung werden geeignete Testsysteme (Lebensmittelsimulantien, Testbedingungen, Barriereprüfungen) etabliert. Die Ergebnisse der Experimente bilden die Grundlagen für Modellierungen und Vorhersagemodelle in 2D- und 3D-Darstellung.

Weitere Informationen erhalten Sie bei:

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